Was macht der Storch auf meinem Dach?
Beginn einer wunderbaren Freundschaft …
Wer einen Storch auf dem Dach hat, dem ist Glück beschieden, so ein alter Volksglaube. Mit dem Storch zieht auch der Frühling ein, und man freut sich über seine Ankunft als Frühlingsbote und Glücksbringer in einem.
Ich machte mich auf den Weg nach Böhringen, um den Storchenvater kennenzulernen, und seine Geschichte zu erfahren. Das muss schon ein besonderer Mensch sein, bei dem sich die ersten wiederkehrende Störche in Baden-Württemberg ausgerechnet auf seinem Dach niederlassen. Ich wurde nicht enttäuscht. Die Tür wurde von einem netten älteren Herren geöffnet, der mich freundlich begrüßte. Wolfgang Schäfle zeigte mir gleich seinen Naturgarten, in dem die Erfolgsgeschichte ihren Lauf nahm. Noch während wir uns unterhielten, flog im Tiefflug mehrere Male ein Storch über unsere Köpfe hinweg. Sie waren gerade dabei ein neues Nest auf dem Nachbardach zu bauen. Das Portrait von Wolfgang Schäfle habe ich im Garten aufgenommen.

Der „Storchenvater“ Wolfgang Schäfle.
Danach gingen wir in das gemütliche Wohnzimmer und Wolfgang Schäfle begann zu erzählen:
1971 bezog die Familie Schäfle ihr neues Heim in Böhringen. Es wurde direkt an das angrenzende Ried gebaut. Es dauerte noch ein paar Jahre, bis sich im Sommer 1980 der erste Storch im Garten zeigte. Ihm muss das kleine Häuschen mit dem idyllischen Garten und seinen Bewohnern gefallen haben. Warum er sich gerade das Haus von Wolfgang Schäfle ausgesucht hat, bleibt das Geheimnis des Storches. Zur dieser Zeit galt der Storch in Baden-Württemberg als ausgestorben. Um so mehr erinnerte sich der Storchenvater an diesen überwältigenden Moment, als er diesen wunderbaren Vogel ausgerechnet in seinem Garten erblickte. Aber wie sich bald herausstellte, hatte der Storch genau die richtige Familie ausgesucht. Bei der Familie Schäfle war der Weißstorch herzlich willkommen, trotz mancher unliebsamer Hinterlassenschaft auf dem Dach. Manch anderer Hausbesitzer hätte dies nicht willkommen geheißen. Man hat ihm sogar einen Namen verliehen: Balduin.
Er verweilte wochenlang bei Schäfles und war auf einmal von heute auf morgen verschwunden. Zu diesem Zeitpunkt gab es in ganz Baden-Württemberg gerade mal 15 Brutstätten. Zwei Jahre später, 1982, geschah das zweite Wunder. Balduin tauchte unerwartet wieder auf und blieb den ganzen Sommer über. Auch machte er keinerlei Anstalten /im Herbst seine Reise anzutreten. Wolfgang Schäfle nahm Kontakt mit der Vogelwarte in Möggingen auf, um zu fragen, was zu tun sei. Der damalige Leiter Dr. Fink gab folgende Anweisung: Wenn der Storch noch Ende Herbst da ist, muss man ihn im Winter füttern.

Der „erste Storch“ Balduin.
Es wurde November und der Storch machte keine Anstalten sich in den Süden aufzumachen. Der Storchenvater kontaktierte nochmals Herrn Fink und bekam die Anweisung den Storch zu füttern. Das war der Beginn der wunderbaren 40 Jahre lange Storchenfreundschaft und -betreuung. Aber dass sich eine so große Storchenkolonie in dem kleinen Böhringen niederlassen würde, konnte niemand ahnen. Ab diesem Tag war Wolfgang Schäfle gefordert sein „Pflegekind“ zu versorgen.
Dass der Storch nur Frösche isst, ist ein Irrglaube. Der Storch ist ein Fleisch- und Allesfresser und liebt sogar Fisch auf seinem Speiseplan. Da spielte der Zufall wieder eine wichtige Rolle: Zu diesem Zeitpunkt war Wolfgang Schäfle erster Vorstand im Angelsportverein Radolfzell. Nichts einfacher als das, denn im Yachthafen Radolfzell wimmelte es damals von schwarzen Sömmerlingen. Das Netz wurde ausgepackt und die Sömmerlinge für den Storch gefischt. Wolfgang Schäfle stellte ein Fass im Keller auf, um die Fische zu hältern. Da sich das Haus direkt am Ried befand und Storch Balduin von dort aus das Haus beobachtete, konnte sich der Storchenvater sich ihm langsam nähern, und die lebenden Fische ins Gras werfen. Es dauerte nicht lange und die Fischlein waren gefressen. So ging es Tag für Tag bis es so kalt wurde, dass die Fische in die Tiefe abtauchten. Und wieder hatte der Zufall seine Finger im Spiel. Ein Anglerkollege war Metzgermeister und somit war die Verpflegung mit Fleischabfällen in trockenen Tüchern.
Im Februar 1983 brach der Winter mit aller Macht ein und eine Kältewelle breitete sich aus. An einem Sonntag in diesem Februar, nach der allmorgendlichen Fütterung, erhob sich der Storch hoch in Lüfte und war verschwunden. Aber oh Wunder, nach drei Tagen kam er zur Freude der Schäfles mit einem Partner zurück. Der mitgebrachte Lebenspartner stammte aus der Nähe des Zürichsees. „Da haben wir erst festgestellt, unser Balduin war eine Balduine“, erzählt der Storchenvater lachend. „Sie wollten unbedingt auf unserem Haus ihr Nest bauen, was wir tatkräftig unterstützt haben. Die ersten Jungstörche in Böhringen sind auf unserem Hausdach zur Welt gekommen. Von Anfang an waren wir begeisterte Storchenfans. Die Störche haben unser Leben bereichert“ erinnert sich Wolfgang Schäfle. So ist das Glück in das Haus eingezogen, denn Störche gelten als Glücksbringer: Hat jemand ein Storchennest auf dem Dach, müssen sich die Bewohner nicht mehr fürchten. Denn wo ein Storch nistet, so will es der Aberglaube, brennt das Haus nicht ab.
Schon als Kind haben Wolfgang die Störche fasziniert und er ist bis ins hohe Alter ein Naturfreund geblieben. In all den Jahren hat Wolfgang viel über das Leben der Störche erfahren und gelernt. In den ersten Jahren bekam er viel Unterstützung von der Vogelwarte in Möggingen. Für die Vogelwarte war es damals die Sensation, denn das Storchenpaar, das sich bei Schäfles niedergelassen hatte, war das zweite im Landkreis Konstanz. In ganz Baden-Württemberg gab es bis dato nur 20 Brutpaare – mittlerweile sind es über 1500! Eine Erfolgsgeschichte ohne gleichen. Aber wie kam es dazu, dass sich immer mehr Störche in Böhringen angesiedelt haben, wollte ich wissen. „Dass sich in Böhringen eine Storchenkolonie gebildet hat, haben die Störche selbst entschieden und nicht der Mensch. Die Störche machen immer das, was sie wollen, und nicht, was wir gerne hätten“ erklärt er. „Wenn ein Storchenpaar sich an einem Ort angesiedelt hat, wollen sie zuerst keine Konkurrenz. Sie verteidigen ihr Revier mit allen möglichen Mitteln und verjagen die fremden Störche, die sich dort auch niederlassen möchten. Durch meine 40-jährige Erfahrung konnte ich Folgendes beobachten: Es gelingt dem zweiten Paar nur sich nieder zulassen, wenn es ein sehr dominantes Paar ist, oder sie kommen zu einem Zeitpunkt, wenn das dorfansässige Paar keine Zeit hat zum Streiten, wenn es zum Beispiel im Brutgeschäft ist. Die Nachkommenden haben es dann einfacher. So entwickelt sich langsam eine Kolonie. Als sich bereits das fünfte Storchenpaar im Dorf niedergelassen hatte, machte ich mir Sorgen, ob sie genügend Futter finden würden. Mittlerweile weiß ich: da muss man sich keine Sorgen machen, das wissen die Störche selbst. Heute haben wir 50 Brutpaare in Böhringen und alle finden Nahrung. Auch die Jungstörche werden satt“, bekomme ich erklärt. Wolfgang Schäfle war noch wichtig zu erwähnen, dass in Böhringen die Weststörche brüten. Diese machen sich zum Überwintern auf den langen Weg nach Westafrika.
Über 40 Jahre hat Wolfgang Schäfle seine Lieblinge betreut. Jetzt hat er mit 88 Jahren seine Berufung aus Altersgründen abgegeben. Zum Abschluss meinte er noch lausbübisch: “Ganz unschuldig bin ich ja an der Storchenkolonie nicht. Der erste Storch wurde ja von mir mehr als verwöhnt, und das musste sich in der Storchenwelt herumgesprochen haben.“
Text/Foto Beate Nash
